3. Dezember
Oma erwachte, weil jemand sie an
der Nase kitzelte. Als sie die Augen geöffnet hatte, musste sie erst einmal
ihre Brille aufsetzten, um zu erkennen, wer denn da auf ihrem Kopfkissen saß.
Beide Nisser sind ja grün und das macht es ohne Brille schwierig für sie, zu
erkennen, wer wer ist. „Guten Morgen Ole“, murmelte sie verschlafen. „Was
willst du denn so früh von mir?“ Sie schwang die Beine aus dem Bett und blieb
dann auf der Bettkante sitzen, als Ole ihr erklärte, was ihn dazu bewogen
hatte, sie schon vor 7 Uhr zu wecken. „Oma, wir müssen uns unbedingt beeilen,
alles für die Gäste vorzubereiten. Sie sind schon auf der Autobahn bei
Osnabrück. Haben grad von der Raststätte aus angerufen und gesagt, sie haben
eine Mitfahrgelegenheit bis Köln. Nun wird es aber wirklich Zeit, dass das
Gästezimmer heimelig wird und außerdem musst du den Opa anrufen und fragen, ob
er meine Freunde dort einsammeln kann in Köln. Der ist doch
heute in die Richtung gefahren, oder habe ich das falsch verstanden?“
Oma schnappte sich ihren Bademantel, warf ihn sich über und sauste die Treppe
hinunter ans Telefon. Ole hämmerte wie will bei Leo und Emilia auf die Tür und
rief: „ Aufstehen, Lagebesprechung in 5 Minuten bei Oma in der Küche!“ Dann
rutschte er das Treppengeländer hinunter und sauste in die Küche, wo er gerade
noch hörte: „ Gut, ich frage nach und melde mich gleich noch einmal.“ „Was
musst du fragen? Holt der Opa sie ab? Wann kommt er mit den Nissern? Klappt das
auch wirklich?“ Oma legte das Telefon beiseite und sah ihn tadelnd an: „Junger
Mann, ich bin noch nicht ganz wach und kann in diesem Zustand immer nur eine
Frage beantworten! Erst mal koche ich jetzt Kaffee und dann warten wir auf Leo
und Emilia. Ich habe keine Lust, im Halbschlaf alle Fragen zweimal zu
beantworten.“ Das war nun für Ole eine harte Probe. Die Küchenuhr tickte und
Omas Kaffeemaschine brummte und spuckte so laut, das er das „ Guten Morgen“
seiner Freunde fast überhört hätte, als sie endlich in der Küche erschienen.
Emilias Zöpfe waren noch ganz zerwuselt vom Schlaf und Leos Locken standen in
alle Richtungen von seinem Kopf ab. Oma kam mit ihrem Kaffee zum Küchentisch
zurück, bückte sich dann und hob die beiden Nisser hoch, um sie auf dem
Küchentisch abzusetzen.
„So, da wir nun alle beisammen sind, werde ich
berichten, was ich von Opa erfahren habe: Er muss wissen, wann und wo genau die
Gäste in Köln ankommen und am liebsten möchte er die Handynummer des Kollegen
haben, der die Reisenden an Bord hat. Ole, meinst du, das wäre möglich?“ Emilia
riss ihre Augen auf und rief entsetzt: „ Heißt das, sie kommen heute schon?“
„Ja ja, sie sind schon ganz nahe!“ Das war Ole so rausgerutscht und dabei war
er ein wenig weiß um die Nase herum geworden bei dem Gedanken daran, was er
noch alles tun wollte, bevor die Gäste ankämen. Da meldete sich Leo auch zu
Wort. „ Also heißt es in aller Eile wenigstens das Gästezimmer zu renovieren. Beim Rest dürfen die Herrschaften gern helfen, wenn sie da sind. Konnte ja
keiner ahnen, wie schnell die die Reise hinter sich bringen würden.“ Oma nickte zustimmend und ging dann in den
Flur zu Oles Puppenhaus. Sie griff sich sein Handy und brachte es ihm. „So,
junger Mann, nun schau mal in einer Anrufliste nach, ob du die Nummer findest,
die dich heute Morgen angerufen hat und sage sie mir durch, sobald ich einen
Stift und Papier geholt habe. Ich werde das kaum selber machen können, dafür
sind meine Finger nun wirklich zu dick und meine Augen zu schlecht.“
Ole
fummelte und tippte eine ganze Weile auf dem Ding herum, bis ein: „Ich habs!“
zu hören war und er die Nummer ansagen konnte. Als der Zettel mit der
Telefonnummer auf dem Küchentisch lag, sah er Oma fragend an: „Was machst du denn
nun mit der Nummer von dem fremden Mann? Der weiß doch nix von Nissern in
seinem LKW und so.“ Oma nippte an ihrem Kaffee und tippte dann die Nummer in
ihr Telefon und legte den Finger auf den Mund, um Ole zum Schweigen zu bringen.
Es tutete im Hörer und dann ertönte eine Männerstimme: „ Ja bitte, wer ist da?“
„ Guten Tag“, sagte Oma freundlich. „ Bin ich da richtig bei dem Herrn, der
gerade mit seinem LKW auf dem Weg von Osnabrück nach Köln ist? Ich möchte sie
nicht belästigen, aber es gibt ein Problem mit ihrer Ladung.“ „Mit meiner
Ladung? Da müssen sie sich irren, gute Frau, ich habe leer und fahre jetzt erst zum Laden nach Köln. Worum genau geht es denn bei dem Problem? Und wer sind sie
überhaupt?“ Oma nannte ihren Namen und fragte dann, ob er als Kind von Trollen
gehört habe und an sie glaube. Die Antwort klang etwas ungehalten: „ Gehört ja,
glauben nein. Aber was hat das alles mit meiner Ladung zu tun?“ Oma druckste
ein wenig herum und erklärte ihm dann: „ Sie haben blinde Passagiere an Bord,
die zu mir wollen. Ungezogenerweise haben die Herrschaften ihr Telefon benutzt
,während sie kurz in der Raststätte waren, und mich angerufen, um mir
mitzuteilen, dass sie bald in Köln sein werden, wo sie abgeholt zu werden
wünschen.“ „Blinde Passagiere? Wo? Auf der Ladefläche oder in meiner
Hosentasche? Sie veräppeln mich doch, oder?" Oma seufzte und erklärte ihm den
Sachverhalt, wobei sie sicher war, das er sie für verrückt halten müsse. Als
sie abschließend fragte, wo genau er den Laden müsse, ihr Mann wolle sich dort
mit ihm Treffen um die Passagiere in Empfang zu nehmen, lachte ihr
Gesprächspartner laut auf. „Ihr Mann?“ „Ja“, sagte Oma ganz verzweifelt. „ Der
ist auch LKW-Fahrer und hat heute in Köln zu tun. Mir kommt gerade die rettende
Idee, wie ich sie dazu bringen kann, mir zu glauben. Könnten sie bitte ihre
Freisprecheinrichtung lauter stellen? Dann werde ich mit den Nissern reden, die
ja irgendwo in ihrem Führerhaus stecken müssen. Wenn wir Glück haben, zeigen
sie sich.“ Es knackte in der Leitung und sie hatte schon Angst, er habe
aufgelegt, doch dann hörte sie ein: „Erledigt, schießen sie los!“ „Hallo ihr Nisser aus Homsland Klit, hier
spricht Oles Oma. Wenn ihr in Köln abgeholt werden möchtet, dann müsst ihr in
den sauren Apfel beißen und euch eurem Fahrer zeigen, damit er sieht, dass ich
nicht lüge und euch dem Opa mitgeben kann heute Nachmittag. Tut mir leid, aber
es geht nicht anders.“ Für einen Moment war es
still am anderen Ende der Leitung und dann hörte sie ein erstauntes: "Donnerlitschen! Was ist das denn?“ Eine dünne Stimme ertönte aus dem Hörer:
„Hier sind wir, Oma. Der Mann sieht uns jetzt, wir sind aus dem Handschuhfach
herausgeklettert und er glotzt uns an.“ Das musste einer der Nisser sein, der da
sprach und Oma war entsetzt über seine Ausdrucksweise. Sie entschuldigte sich
bei dem Fahrer und redete dann noch eine Zeit lang mit ihm darüber, wie und wo
die Übergabe stattfinden könne. Schließlich einigte sie sich mit ihm darauf,
dass er Opas Handynummer bekäme und diesen anrufen würde, um alles weitere
abzusprechen. Sie bedankte sich noch ein paar mal und legte dann zufrieden auf.
„Puh, das wäre geschafft. Nun noch Opa anrufen und ihm sagen das er angerufen
wird, dann geht es rund hier mit der Renovierung.“ Emilia hatte still und stumm
auf dem Stuhl gesessen und meldete sich erst jetzt zu Wort. „Oma, ich brauche
nun aber wirklich Stoff, damit ich wenigstens die Gardinen für das Gästezimmer
fertig bekommen.“ Ole und Leo baten darum, ins Puppenhaus gebracht zu werden
und man hörte sie rumpeln und poltern, als sie die Betten und Schränke im Haus
neu verteilten.
Oma kramte mit Emilia in ihrer Bastelkiste und fand schließlich
grünkarierte Geschenkband, das sich vorzüglich zu Gardinen verarbeiten lassen
würde. Als Emilia gerade damit um die Ecke verschwinden wollte an ihre
Tretnähmaschine, hielt Oma sie mit den Worten: „Halt, ich hab noch was für
dich!“ zurück und holte aus ihrer Handtasche eine funkelnagelneue elektrische
Nähmaschine hervor. Mit einem Jubelschrei
bedankte sie sich und flitzte in Oles Esszimmer und gleich darauf
ratterte die Maschine fröhlich vor sich hin.
Oma wuselte durch ihr Haus und
kramte hier und dort herum auf der Suche nach Sachen, die sie den Gästen zum
Willkommen überreichen wollte. So verging der Tag schneller als erwartet und Als
es dunkel wurde, war doch alles erledigt, was sie sich vorgenommen hatten. Ole
hatte sogar noch eine Fahne zum Willkommen aufgestellt und nun saßen sie alle
da und warteten auf Opa, der heute mal wieder sehr spät dran war.
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