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Samstag, 12. Dezember 2015

12. Dezember
Der Markt nimmt Gestalt an



Heute Morgen war Oma etwas länger im Bett geblieben wie jeden Samstag. Opa hatte frei und da konnte man ja ausschlafen. Dachten die Beiden jedenfalls. Leider hatten sie die Rechnung ohne ihre Mitbewohner gemacht. Im Flur ertönte ein lautes: „Hau ruck!“ und dann gab es ein fürchterliches Gepolter und ein paar unschöne Flüche waren zu hören. Mit einem Satz war Oma aus dem Bett und gleich darauf stand sie oben auf dem Treppenabsatz und starrte entsetzt nach unten. Dort lagen die Nisser wie Kraut und Rüben durcheinander auf dem Boden, halb begraben unter einer großen Holzplatte, die bis gestern noch in ihrem Bastelzimmer gestanden hatte. Sie sauste die Treppe hinunter, hob die Platte vorsichtig auf und erkundigte sich, ob jemand verletzt sei. „Nöö, Nöö, Oma, alles gut. Nur die Platte hat jetzt ne Ecke ab.“ Ole saß auf seinem Po und rieb sich den Ellbogen. Mads rappelte sich gerade wieder auf und stellte fest: „ So ein Nisserhut ist ein wunderbarer Unfallschutz. Das hätte leicht ins Auge gehen können.“ Endlich kam auch Opa nach unten und erkundigte sich ein wenig unwirsch: „ Darf ich erfahren, was hier vorgeht? Ein solcher Tumult frühmorgens, wenn ich endlich mal frei habe, ist nicht mein Traumstart in den Tag, meine Herren.“ Nissermorfar entschuldigte sich im Namen aller mit den Worten: „ Wir müssen den Markt aufbauen und brauchten die Platte für den Marktplatz. Dich wollten wir nicht fragen. Du hast dir deinen Schlaf redlich verdient. Als wir Oma auch nicht finden konnten, haben wir beschlossen, dass vier starke Nisser das auch allein schaffen können. Hätte auch fast geklappt, aber eure Treppe ist zu steil. Da wurde die Platte zu schwer und ist alleine nach unten gerutscht und wir hinterdrein. Tut mir wirklich sehr leid, dass du wach geworden bist.“ „Ja ja, schon gut. Wo soll das vermalmedeite Ding denn hin? Da werdet ihr ja wohl auch Hilfe brauchen. Kann ich ja vorm Kaffee noch erledigen, wenn es so eilig ist.“ Alle redeten durcheinander und Opa verstand absolut nichts.  „Ruhe!“ donnerte er und befahl Ole, ihm zu erklären, wo er de Platte anbringen solle.  „Na vor mein Haus natürlich! Ist doch klar. Der Markt findet dort statt. Da haben wir Strom, Wasser und was man sonst noch so braucht. Wir hatten überlegt, das wir die Schublade von eurer Kommode hervorziehen und dann da die Plate drauf festmachen. Meinst du, das geht?“ Opa zwirbelte seinen Schnurbart( das tat er immer, wenn er überlegen musste). „Kriegen wir hin, irgendwie.“ murmelte er und trug die Platte zur Kommode.  nach ein wenig Fummelei und mit Hilfe zweier Schraubzwingen gelang es ihm die Wünsche der Nisser wahr zu machen.  Er bekam von Oma einen Kaffee serviert und vertiefte sich in seine Zeitung. Die Nisser wuselten wie verrückt durch den Flur, zwischendurch lief immer wieder einer in den Keller des Puppenhauses und kam mit immer neuen Sachen daraus hervor. 

Oma und Opa ließen sich nicht weiter stören und bekamen so auch nicht mit, wie der Luziamarkt immer größer und schöner wurde. Oma wollte gerade zwei weitere Tassen Kaffee kochen, als Leo in der Küche erschien. „Ich hab da mal ne Frage“, begann er zögerlich. „ Müsst ihr heute noch mal weg oder seid ihr den ganzen Tag zu Hause?“  Opa sah ihn fragend an. „Wir wollen das Treppenhaus streichen, da bleibt keine Zeit zum Wegfahren. Worum geht es denn?“ Leo druckste ein wenig herum. „Hmm, nun, jaaa aaaalso. das ist so: Da soll heute noch eine etwas größere Lieferung ankommen. Die ins Haus zu kriegen, da reichen vier starke Nisser leider nicht aus. Wir bräuchten da ein wenig Hilfe. Außerdem haben wir gestern endlich die bestellte Nissertür geliefert bekommen und müssten nun mit dir und Oma überlegen, wo wir die einbauen. Es ist ja kein Zustand, dass immer einer von euch uns rein- oder rauslassen muss.“ „Eine Nissertür?“ Oma war ganz entzückt. „Wo kann man denn sowas bestellen?“  Mads kam herbeigelaufen und rief: „ Die kommt vom Holmsland Klit, aus meinem Heimatort Hvide Sande. In Dänemark ist es üblich, eine solche im Advent am Haus anzubringen, damit wir unbemerkt ein- und ausgehen können in den Häusern. Ein netter Herr aus Bremen hat sie dort gekauft und sie uns geschickt. Die Packung hätten wir unmöglich mit auf die Reise nehmen können. Lisbeth und ich hatten schon genug mit unserem Gepäck zu tun.“ Er zupfte an Omas Schürze und versuchte, sie in den Flur zu ziehen. natürlich folgte sie der Aufforderung gerne und stand ungläubig vor einer Schachtel mit der Aufschrift NISSERDØR. 


Sie kratze sich am Kopf und fragte laut: „Wie um alles in der Welt habt ihr das schwere Paket denn ins Haus bekommen? Und überhaupt, gestern ist die Post doch durchgefahren und hat gar nicht angehalten. Her stimmt doch etwas nicht!“ Mads erklärte ihr, dass nachmittags, als sie einkaufen war, der DHL-Mann gekommen sei und ihre Tochter habe das Paket angenommen und hereingetragen. „Ach so, das ist was Anderes. habt ihr dann wohl schnell versteckt, damit ich es nicht sehe, ihr Racker?“ Verschmitzt schaute Mads sie an und nickte. „Na, dann werde ich mal mit Opa überlegen, wo wir sie am besten einbauen und dann kümmern wir uns drum, während ihr weiter an eurem Weihnachtsmarkt arbeite. Ich werde nicht hinschauen, bis ihr es mir erlaubt.“  „Och, da gibt es auch nicht viel zu sehen, Oma“ , rief Ole aus dem Flur. „Einräumen tun wir, wenn ihr schlaft. Es soll doch eine Überraschung werden und überhaupt sind viele Sachen noch gar nicht fertig. Wir müssen uns wirklich beeilen und würden uns freuen, wenn ihr das mit der Türe für uns erledigen könntet. Würde sonst morgen kein schöner Tag, wenn einer von euch bei der Tür sehen bleiben muss, um die Besucher hereinzulassen.“  „Besucher? Ich höre das Wort Besucher! Wer um Himmels Willen kommt denn morgen?“ Vorlaut rief Ole ihr zu: „Du stellst Fragen Oma. Das wissen wir doch nicht. Wir haben Briefe an alle Freunde und Verwandte geschickt und sie eingeladen. Hoffentlich bringen sie genügend andere mit, damit wir auch ordentlich was verkaufen.“ Oma schaute Opa an und die beiden grinsten sich an. „Schatz, wir fahren morgen auf einen Weihnachtsmarkt. Wenn ich noch mehr durchgefrorene Nisser aufnehme ins Haus, dann reicht das Bastelzimmer nicht mehr aus für all die Puppenhäuser. Ich kenne mich, ich kann nicht nein sagen, wenn sie durchgefroren um Obdach bitten.“ Opa nahm sie in den Arm und lachte. „Liebes, du bist eine herzensgute Nisseroma, aber ich freue mich, dass du das eingesehen hast. Fahren wir also auf den Weihnachtsmarkt.“ Erst einmal aber mussten sie einkaufen und dann den Flur streichen. Die Nisser werkelten weiter an ihrem Weihnachtsmarkt und ab und zu sauste jemand zur Haustüre, um nachzusehen, ob die erwartete Lieferung endlich da wäre. Im Puppenhaus klingelte Oles Handy. Er meldete sich und nachdem er aufgelegt hatte, schlurfte er betrübt zurück auf den Marktplatz vor seinem Haus. Die anderen sahen ihn erwartungsvoll an. „Das war der Schwertransport. Er wird sich um mindestens vier Stunden verspäten. Es wird also Mitternacht werden, bevor er kommt. Hoffentlich ist Opa so lange wach. sonst haben wir ein Problem.“ Leo sah ihn nachdenklich an. „Und wenn wir ihn am Hoftor hereinlotsen? Dann könnte er von hinten durch den Hof ebenerdig bis in den Flur fahren und Opa kann uns morgen früh rasch helfen beim Aufbau der Überraschung.“ Emilia stand mit einem weiteren Korb voller Kerzen am Balkongeländer und war sehr stolz auf ihren klugen Mann. „Leo, du bist unser Held. Für jedes Problem weißt du sofort eine Lösung. Wenn der Fahrer so spät hier ankommt, wird er wohl kaum noch abladen wollen. Wir werden ihm ein Bett in die Remise stellen, da kann er sich ausruhen und morgen  dann wieder heimfahren.“  „Emilia, er bleibt hier bis nach dem Markt. Dann kann er seine Ladung sofort wieder mitnehmen. Ich wäre dafür, dass er in unserem Gästezimmer übernachtet, da ist es wesentlich bequemer als in der Remise.“ Leo hatte im Stillen daran gedacht, dass er mit dem Fahrer dann auch den ein oder andern Glögg trinken könnte und sie beide hätten es dann nicht mehr weit bis zu ihren Betten. Ein praktisch veranlagter junger Nisser eben. So verging der Tag mit viel Arbeit, Gelächter und Getuschel. Ab und an wurde Oma noch um ein Teil aus ihrer Puppenstuben-Sammlung erleichtert und so langsam wurde der Marktplatz zu einem wunder-schönen Weihnachtsmarkt. 


Gegen Abend bekamen die Nisser noch einen Stromanschluss und bevor sich alle zum ersten Glögg des Jahres versammeln konnten, wurde die Beleuchtung feierlich ausprobiert.




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